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Kognitivwissenschaft

Dunning-Kruger-Effekt

Was ist der Dunning-Kruger-Effekt?

Der Dunning-Kruger-Effekt ist eine kognitive Verzerrung, bei der Menschen mit begrenztem Wissen oder geringer Kompetenz in einem bestimmten Bereich ihre eigenen Fähigkeiten überschätzen. Umgekehrt nehmen hochkompetente Menschen oft an, dass Aufgaben, die ihnen leicht fallen, auch für andere leicht sind, was dazu führt, dass sie ihre relative Fähigkeit unterschätzen.

1999 von den Psychologen David Dunning und Justin Kruger beschrieben, lässt sich der Effekt durch die berühmte Erkenntnis zusammenfassen:

„Wenn man inkompetent ist, kann man nicht wissen, dass man inkompetent ist… die Fähigkeiten, die man für die richtige Antwort braucht, sind genau die gleichen Fähigkeiten, die man braucht, um zu erkennen, was eine richtige Antwort ist.“

Die Kurve der Kompetenz

Der Dunning-Kruger-Effekt wird oft als Kurve visualisiert:

  1. Mount Stupid (Berg der Dummheit): Der Gipfel hohen Vertrauens trotz sehr geringen Wissens. Dies geschieht oft früh im Lernprozess, wenn man „gerade genug weiß, um gefährlich zu sein“.
  2. Valley of Despair (Tal der Verzweiflung): Wenn die Person mehr lernt, erkennt sie, wie weitreichend und komplex das Thema wirklich ist. Das Vertrauen sinkt drastisch, während das Bewusstsein für die eigene Unwissenheit wächst.
  3. Slope of Enlightenment (Pfad der Erleuchtung): Durch Beharrlichkeit und Studium wächst die Kompetenz, und das Vertrauen beginnt wieder zu steigen – diesmal basierend auf tatsächlichem Fachwissen.
  4. Plateau of Sustainability (Plateau der Nachhaltigkeit): Das Expertenniveau, auf dem man hochkompetent ist und eine realistische (wenn auch oft vorsichtige) Sicht auf die eigenen Fähigkeiten hat.

Warum passiert das?

Der Kern des Dunning-Kruger-Effekts ist ein Mangel an Metakognition – der Fähigkeit, über das eigene Denken nachzudenken. Um zum Beispiel das eigene Niveau in Physik genau beurteilen zu können, muss man ein gewisses Maß an Physik beherrschen. Wer die Regeln eines Fachgebiets nicht kennt, kann nicht sehen, wo er gegen sie verstößt.

Das Gegenteil: Intellektuelle Bescheidenheit

Der Dunning-Kruger-Effekt erklärt, warum die klügsten Köpfe im Raum oft die leisesten oder zögerlichsten sind. Da sie sich der gewaltigen Menge an Informationen bewusst sind, die sie nicht wissen, sind sie viel vorsichtiger mit definitiven Behauptungen. Dies wird als Intellektuelle Bescheidenheit bezeichnet – ein Merkmal, das stark mit tatsächlich hohem IQ und lebenslangem Lernen korreliert.

Auswirkungen auf Gesellschaft und Beruf

Diese Verzerrung hat massive Auswirkungen auf die reale Welt:

  • Am Arbeitsplatz: Inkompetente Führungskräfte sind oft selbstbewusster und werden daher eher befördert als ihre hochqualifizierten, aber bescheidenen Kollegen.
  • Online-Debatten: Er erklärt, warum Menschen ohne medizinischen oder wissenschaftlichen Hintergrund oft zuversichtlich Experten sagen, dass sie falsch liegen.
  • Selbstverbesserung: Der Dunning-Kruger-Effekt kann als Barriere für Wachstum wirken; wer glaubt, bereits ein Experte zu sein, wird nicht die Arbeit investieren, um tatsächlich einer zu werden.

Dunning-Kruger im IQ-Archiv

In unserem IQ-Archiv schätzen wir die wissenschaftliche Genauigkeit, die Experten in ihre Fachgebiete einbringen. Wir stellen das oberflächliche Selbstvertrauen der „Mount Stupid“-Phase der tiefen, nuancierten und oft bescheidenen Expertise der Genies gegenüber, die wir porträtieren. Wahres Genie bedeutet nicht nur, die Antworten zu kennen – es bedeutet, die Grenzen dessen zu kennen, was gewusst werden kann.

Fazit: Die Weisheit des Nichtwissens

Wie Sokrates berühmt sagte: „Ich weiß, dass ich intelligent bin, weil ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Der Dunning-Kruger-Effekt ist eine moderne psychologische Bestätigung dieser antiken Weisheit. Er dient als Warnung, unser Ego im Zaum zu halten und ewige Schüler zu bleiben.

Verwandte Begriffe

Metakognition Exekutive Funktionen Hochbegabung IQ-Wert
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